Vogelwilde Aussicht

Hochsitze haben unbestrittene Vorteile, auch wenn sie oft ziemlich unbequem sind. Da sitzt man über den Dingen, der Welt entrückt mitten im Grünen mit einer wunderbaren Aussicht in der Landschaft und kann die Gedanken schweifen lassen.

Vogelkirsche_KontrastAn diesem frühen Abend sah man die Berge in der Ferne, ein ganzes Panorama, das ich mit dem Fernglas von rechts nach links und links nach rechts immer wieder angeschaut habe. Sensationell, nur leider sieht man das auf dem Foto nicht ganz so gut. Da müsst Ihr Euch halt so eine Menge sonnenbeschienener Gipfel vorstellen.

Nach dem ersten Fernblick nahm ich meine nähere Umgebung in Augenschein und stellte erfreut fest, dass sich mein luftiger Ansitz inmitten einer Vogelkirsche befand. Mit Früchten! Vogelkirsche_nahDie Sonne stand ungünstig fürs Handyfoto, aber man kann die Kirschen erkennen, oder? Die sehen hier so riesig aus, aber das waren sie nicht. Leider waren die meisten auch schon vertrocknet und hingen als Trockenkirsche am Baum. Ich habe mich dennoch gefreut, denn ich habe seit Ewigkeiten keine Vogelkirschen mehr gesehen. Das war ein schöner Abendsitz in Gesellschaft von alter Bekanntschaft.Gleichzeitig kam ich ins Sinnieren, woher das Wort „vogelwild“ eigentlich stammt. Im Bayerischen ist gern mal was „vogelwuid“ und das heißt dann ungefähr so viel wie „total chaotisch“. Kennt Ihr das Wort auch? Ich habe es erst in Süddeutschland kennengelernt. So gesehen stimmt die Überschrift natürlich nicht, denn chaotisch war da gar nichts. Aber viele Vögel waren da. Dann passt es ja irgendwie doch wieder.

Die Wilde Kirsche wandert heute zu Ghislanas Baumsammlung  Mein Freund, der Baum.

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Her mit der Helmpflicht!

Die gute Nachricht ist, diese Art von Kopfschmerz ist zeitlich begrenzt, denn sie tritt eigentlich nur im September/Oktober eines jeden Jahres auf. Das aber mit schöner Regelmäßigkeit. Präventiv hilft eine gute Unterlage in Form einer fetten Schweinshaxe oder eines rotglänzenden Liebesapfels leider nur bedingt. Andererseits ist diese Art von Kopfschmerz verbunden mit Heißhunger vermutlich nur noch nervig, deshalb würde ich sagen, eine deftige Mahlzeit kann auf keinen Fall schaden. Wenn es dann passiert ist, bringt Aspirin allerdings auch nichts. Fragt die Bedienung lieber nach einem Eisbeutel, alternativ nach einer kalten Bier- oder Limoflasche. Das Kalte muss an die Beule. Ahhh, tut das gut, wenn das Biergarten-kopfweh nachlässt.

Einige dieser Tipps sind selbstverständlich auch auf das Münchner Oktoberfest anwendbar, aber soweit ich weiß, stehen auf der Theresienwiese keine der schmerzauslösenden Bäume rum. Nein, auf der Theresienwiese kommt massives Schädelweh normalerweise vom ungezügelten Biergenuss, von rumfliegenden Maßkrügen oder anderen Grobheiten. Und für jede Variante braucht man ungleich mehr Eisbeutel, bis der Schmerz nachlässt. … Groschen gefallen? Genau, ich rede von den reifen Kastanien, die es zur Zeit in den bayerischen und sonstigen klassisch bewachsenen Biergärten regnet. Eigentlich müssten die am Eingang Helme verteilen. Dass das Gesundsheitsamt, Ordnungsamt oder sonst ein Amt noch nicht auf die Idee gekommen sind? Oder irgendein findiger Biergartenwirt, wäre doch ein prima Marketing-Gag („Unser Bier macht kein Kopfweh, unser Biergarten momentan schon. Wir schützen Sie! Helme gratis!“). Kommt vielleicht noch, denn heuer tragen die Rosskastanien sehr reichlich – das dauert, bis da alles unten liegt.

Viele Kastanienbäume sind allerdings schon fast ohne Laub oder tragen nur noch verdorrte Blätter. Schuld daran dürfte wohl die Kastanienminiermotte sein, deren Larven die Blätter so nachhaltig schädigen, dass sie vertrocknen und zum Teil schon im Sommer abfallen. Dieses Foto habe ich Anfang September gemacht, pikanterweise in einem ehemaligen Biergarten. Die Bäume sind jetzt beinahe ganz kahl. Ein trauriger Anblick, vor allem, weil rundherum noch so viel Grünes steht. Kastanie_braunAber es gibt noch Enklaven, wie das nächste Foto beweist. Durch Zufall kam ich im heute im Nachbardorf am krassen Gegenteil einer schädlingsbefallenen Rosskastanie vorbei. Kastanie_buntHeureka! Ich habe schon lange keine so bunte und augenscheinlich gesunde Kastanie mehr gesehen. Toll. So sieht er aus, der Oktober. Und wenn er noch einen oder zwei sonnig-goldene Biergartentage abwirft, ist das umso schöner. Ich setze dann auch einen Helm auf. 😉

Hattu Möhrchen?

Wie heißen die Dinger denn bei Euch landläufig so: Möhre, Mohrrübe, Karotte, Rübli, gelbe Rübe? Wenn man in einem oberbayerischen Gemüseladen ein Pfund Karotten bestellt, hat man je nach Landstrich und Laune des Verkaufspersonals unter Umständen schon verloren: Oje, a Preiss, das geht ja gar nicht. „Des hoaßt Gelbe Ruam, Karotten ham mia fei ned!“ Jo, dann weiß man das auch. Sprachenlernen auf die harte Tour führt manchmal zum schnelleren Erfolg. Häschenwitze mit „Hattu Gelbe Ruam“ funktionieren nur leider überhaupt nicht, das passt einfach nicht zusammen. Seien wir doch mal ehrlich – jeder liebte damals die Häschenwitze, über alle Bundeslandgrenzen hinweg. Auch die Bayern, da bin ich sicher. Möhrchen waren plötzlich in jedem Dialekt gesellschaftsfähig. Vielleicht waren die Häschenwitze ja sogar der Anfang vom Ende … wo einen doch heutzutage so manche bayerische Kassiererin oder Bedienung mit einem herzhaften „Tschüss“ verabschiedet. Aber ich schweife ab, zurück zum Thema.

Beim Fotografieren einer anderen Pflanze hatte sich eine Wilde Möhre aufs Foto geschmuggelt. Das da in der Mitte sieht aus wie ein Käfer, ist aber die charakteristische dunkle Lockblüte, die Insekten vorgaukeln soll: „Hey, hier schmeckt’s gut, komm doch mal her!“ Das ist Daucus carota.Wilde_Moehre_BlueteVereinzelt sieht man die weißen Doldenblüten jetzt noch am Straßenrand oder auf mageren Wiesen, doch die meisten haben sich schon zu dem typischen Nest zusammengerollt, das der Pflanze im Englischen unter anderem die Bezeichnung „Bird’s Nest“ eingebracht hat. Sieht ja auch echt aus wie ein kleines Vogelnest. Wilde_Moehre_verbluehtÜberhaupt hat man im angelsächsischen Raum eine andere Beziehung zu der wilden Verwandtschaft unserer Gartenmöhre als wir in Deutschland. Glaube ich jedenfalls. Oder kennt Ihr eine Braut, die sich Blüten der Wilden Möhre in den Brautstrauß hätte binden lassen? In den USA und England scheint das durchaus gängig zu sein, wie diese eindrucksvolle Bildergalerie beweist. „Queen Anne’s Lace“ klingt richtig elegant nach Spitzentüchlein und Rosenduft, da denkt doch kein Hochzeitsgast ein dezentes Möhrenaroma. Ich habe vor einiger Zeit auf einem anderen Blog über diese Vorliebe in der Brautfloristik gelesen und war fasziniert. Sieht echt schön aus und ist irgendwie außergewöhnlich. Ach ja, Wolle oder Seide kann man mit den Blüten der Wilden Möhre beige-gelblich färben. Ostereier vermutlich auch, aber die sind zur Blütezeit ja schon längst passé. 😉 Und klar, essbar ist das wilde Gemüse natürlich, insbesondere die Wurzel.

Apropos Gemüse – es gab es ja nicht nur Vegetarisches bei den Häschenwitzen. Kennt Ihr den noch? Geht das Häschen zum Metzger und fragt: „Hattu Eisbein?“ Antwortet der Metzger: „Ja, klar.“ –  „Oh, muttu warme Socken anziehen!“