Trefflich ein Stündlein verträumt

Manchmal passt alles zusammen und man fühlt sich wie der König der Welt, eben weil alles passt.  Vergangene Woche war nach einer sternenklaren Nacht die Welt mit leichtem Rauhreif überzogen, teilweise noch in Nebelschwaden verhüllt, aber die Berge wurden schon von der Sonne wachgekitzelt.HerbstahornEin goldener Oktobertag, endlich, denn in den letzten Tagen hatte es nur geregnet. Ich hatte zwei Stunden Wartezeit im Oberland zu überbrücken und fuhr spontan die paar Kilometer weiter runter nach Schliersee. Wenn schon, denn schon. Goldene Oktobertage im Bayerischen Oberland – ich liebe sie. Hätte ich Bergstiefel dabei gehabt, wäre ich vielleicht zum Spitzingsee gefahren, aber zum Glück hatte ich nur Turnschuhe an (und die sind noch nicht mal wasserdicht).Brecherspitz_nah Ich war schon oft am Schliersee, aber den Ort selber kenne ich eigentlich fast nur vom Durchfahren oder vom Brotzeitkaufen nach der Bergtour. Dieses Mal habe ich das Auto geparkt und bin losgelaufen. Häuser schauen, Gärten schauen, See schauen. Schön, einfach schön. So ein völlig ungeplanter Kurzurlaub für die Seele ist wie ein Sechser im Lotto, vor allem, wenn er einem nach einem relativ blöden  Tagesstart beschert wird. Es war noch recht früh und die meisten Geschäfte noch geschlossen. Auf der Suche nach einer Tasse Kaffee bin ich abgebogen in eine kleine Gasse und habe dort ein mir bis dahin völlig unbekanntes Kleinod entdeckt: Den Weinberg in Schliersee.  Wobei „Berg“ eine dezente Übertreibung ist, denn es ist mehr ein Hügel, den man ganz leicht erlaufen kann, aber mei, „Weinhügel“ klingt halt nicht so. Oben gibt es tatsächlich ein paar Weinstöcke, aber ich glaube, die dienen mehr der Deko als dem Traubenerwerb. Wie auch immer, die „Attraktion“ ist eigentlich die St. Georgs-Kapelle (war leider zu), aber der wirkliche Star ist die uralte Linde, die auf dem Hügel thront und seit Jahrhunderten auf den Schliersee und seine Berge blickt.Abstiegsfoto_Linde Die Linde ist wirklich alt und hat einiges mitgemacht in ihrem langen Leben, das sieht man. Irgendwie blöd zurecht gestutzt worden ist sie auch, aber das nur nebenbei. Trotz allem strahlt sie eine Keckheit aus, so als ob sie sagen wollte: „Na und? Werdet Ihr erst mal so alt wie ich, dann reden wir weiter!“ Wirklich erstaunlich, wie lebendig sie noch ist, obwohl der Stamm eigentlich mehr oder weniger ausgehöhlt und morsch ist.  Offenbar wurde sie im Jahr 1942 von einem Blitz getroffen und dabei schwer beschädigt, aber vermutlich hatte man 1942 andere Sorgen als vom Blitzschlag zerstörte Bäume. Zum Glück, denn die alte Dame macht noch einen recht fidelen Eindruck. Beeindruckend.

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Bei so einer wunderbaren Aussicht würde ich auch gern alt werden. Ich mochte mich gar nicht los reißen. Was so ein paar Meter Höhe schon ausmachen – die zunehmende Betriebssamkeit im Ort unten schien so weit weg. Karl Stieler hat die Atmosphäre jedenfalls sehr treffend beschrieben: Auf dem Weinberg lässt es sich wirklich trefflich träumen, ein Stündlein lang oder auch zwei.Linde_Beschreibung

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5 Kommentare zu “Trefflich ein Stündlein verträumt

  1. Oh wie schön- ich liebe Kurzurlaub.:) Ein Stündlein verträumt -besser kann man es nicht formulieren. Ich liebe solche alten Bäume und würde manchmal gerne wissen was sie so alles gesehen und erlebt haben.
    Gestern war bei uns der Goldene Oktober – nächste Woche soll er sich auch noch mal blicken lassen-hoffentlich.
    Liebe Grüße
    Claudia

  2. Kurzurlaub für die Seele, ja, manchmal passt eben alles zusammen… Diese Linde passt so gut in die Baumsammlung. Ein herrlicher Anblick von allen Seiten. Da hätte auch ich trefflich ein Stündchen geträumt… Hier ist bei uns auch gerade Herbstgold draußen, wunderschön… Schon der Blick aus dem Fenster tut gut. Danke fürs Verlinken und liebe Grüße Ghislana

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