Von wegen Stinkstiefel!

Storchschnabel_WaldrandEin wahrer Augenschmaus, der da den Waldrand oder wahlweise wie in meinem Garten auch die Zitronenmelisse schmückt. Was für zartrosa Blütensterne! Was für filigrane dreieckige Blätter! Und diese roten Stängel dazu! Wieder so ein blinder Passagier in der Gartenerde,  den man aber gern wachsen lässt, weil er halt so hübsch aussieht. Eine aparte Erscheinung, ohne Frage.

Wenn die nur nicht so einen unangenehmen Geruch hätte, sobald sie sich bewegt! Ach, der Volksmund kann echt fies sein: Duftet ein hübsches Pflänzchen nicht nach Rosen oder Flieder, wird es gleich als „stinkend“ verschrieen. Total gemein. Dabei stinkt der Stinkende Storchschnabel (Gerianum robertianum) überhaupt nicht, sondern duftet allenfalls etwas eigenwillig, gegen den Strich, eben nicht so gefällig. „Geranium“? Da klingelt doch was? Stimmt genau, die kultivierte Verwandtschaft vom Storchschnabel pflanzen wir uns  im Sommer zuhauf auf Balkon oder Terrasse, am liebsten in der Farbe Rot. Die duftet meistens auch relativ gewöhnungsbedürftig, aber da interessiert’s keinen. Hauptsache, die Optik stimmt. Zugegeben, streng genommen handelt es sich um Pelargonien und nicht um Geranien, die wir da im Gartencenter kaufen, aber die gehören auch zur Familie der Storchschnabelgewächse.

Storchschnabel

Also, stinken ist anders, so viel ist klar, aber die ätherischen Öle vom Storchschnabel sind nicht unbedingt was für die Duftlampe, eher was fürs Verräuchern in Kombination mit anderen Kräutern. Mücken und Motten könnte der Geruch fernhalten, das wäre einen Versuch wert. Im Mittelalter hat er eine gewisse Rolle bei der Behandlung von blutenden Wunden gespielt, weil seine  Gerbstoffe blutstillend und schmerzlindernd wirken. Heutzutage spielt das Ruprechtskraut medizinisch gesehen kaum noch eine Rolle, dann schon eher kulinarisch. Die Blätter kann man feingehackt als Salatzutat verwenden oder sich ab und zu ein Tässchen Storchschnabeltee kochen (2 TL getrocknetes Kraut mit 1/4 l kochendem Wasser aufgießen, nach 5 Min. abseihen). Das getrocknete Kraut riecht anscheinend auch nicht mehr so intensiv, das tut dem Geschmack des Tees sicher ganz gut. Ich würde es aber bei jeder Verwendungsart langsam angehen lassen und mit kleinen Mengen beginnen, damit der Magen angesichts der reichlich enthaltenen Gerb- und Bitterstoffe nicht gleich rebelliert. Storchschnabel_Pusteblume

Ihr seht, der Storchschnabel ist beileibe kein Stinkstiefel, sondern ein eigenwilliges, aber freundliches Pflänzchen. Und wenn Ihr jetzt noch wissen wollt, warum er „Storchschnabel“ heißt, dann schaut Euch beim nächsten Waldspaziergang einen verblühten Storchschnabel an. Der Volksmund ist zwar manchmal fies, hat aber meistens ziemlich treffende Bezeichnungen parat. 🙂

Lupinensommer

Gartenlupinen

War die Hitzewelle letzte Woche nun Teil des Spätfrühlings, oder doch schon Frühsommer mit gefühlten hochsommerlichen Anteilen? Oder Hochsommer vor Sommerbeginn? Ich bin verwirrt. Man kann sich auf nichts mehr verlassen, was das ehemals jahreszeitentypische Wetter betrifft. Dieses Jahr bildet da keine Ausnahme. Die Blühpflanzen scheinen die einzige Konstante zu sein, die mir noch ungefähr den Weg durch die Jahreszeitenkapriolen weisen. Damit das Kind einen Namen hat, habe ich beschlossen, dass wir uns aktuell im „Lupinensommer“ befinden. Wenn Ihr unterwegs seid, achtet mal drauf: Entlang der Autobahnen und Landstraßen stehen blaue und rosafarbene Blütenkerzen, manchmal vereinzelt, manchmal in größeren Büscheln, die wie große Fackeln in der Sonne leuchten. In den Gärten blühen sie auch noch, aber die Hochphase geht dem Ende zu. Schuld daran sind – wenigstens in meinem Garten – unter anderem die Nacktschnecken, die relativ unbemerkt die üppig grünen Büsche von unten her kahl gefressen haben. Die Hitze hat ihr Übriges getan und dem Blattwerk den Rest gegeben. Schade, aber Lupinen sind sowieso keine Ganzsommerblume. Man muss sie einfach genießen, so lange sie da sind und fleißig Blüten für die Blumenvase schneiden; dann ist die Samenbildung verzögert und die Pflanze treibt noch mal ein paar Extrablüten nach.

Die Samen reifen ähnlich wie bei Erbsen oder Bohnen in behaarten Hülsen heran, die sich mit zunehmender Trockenheit grau verfärben. Mit viel Fantasie könnte man an einen Wolfspelz denken. Vielleicht heißt die Lupine deshalb auch Wolfsbohne und hat überhaupt diesen niedlichen Namen, der sich vom lateinischen Wort für Wolf ableitet. Die Blätter haben je nach Sorte zwischen 5 und 12 Finger und geben den Blütenfackeln einen tiefgrünen Untergrund. Lupinen gehören zur Familie der Schmetterlingsblütler, wie besagte Erbsen und Bohnen auch. Sie sind seit Jahrhunderten als Stickstoffsammler bekannt und geschätzt: Die Pflanzen holen sich den Stickstoff aus der Luft und reichern ihn mit Hilfe von Knöllchenbakterien im Boden an. So kann man gerade im Garten das Schöne mit dem Nützlichen verbinden, weil die Lupinen als Tiefwurzler auch noch den Boden lockern und ihn für spätere Kulturen vorbereiten. Die Pflanzenfamilie ist weit verzweigt und zählt an die 300 Mitglieder, von denen allerdings viele wegen ihres hohen Gehalts an Alkaloiden als giftig einzustufen sind. Als besonders eiweißreiches Nahrungsmittel oder Futterpflanze kommen deshalb auch nur die sogenannten Süßlupinen in Betracht. Im Gegensatz zu ihren wilden Verwandten enthalten ihre Samen kaum noch giftige Bitterstoffe und sind so genießbar und ungefährlich für Mensch und Tier. Achtet doch mal auf Fleischersatz aus Lupinensamenmehl – hier werden gerade interessante Alternativen entwickelt, auch zum Tofu. Im Gegensatz zu Soja wachsen Lupinen auch in unseren Breiten und machen lange kostspielige und umweltschädliche Transporte überflüssig. Sogar Lupinen-Eiscreme gibt es inzwischen, ist mir vor kurzem zufällig aufgefallen. Spätestens bei der nächsten Hitzewelle mache ich eine Testreihe damit. 😉

Lupinchen

Lupinen kann man ziemlich leicht selbst anziehen. Diese „Lupinchen“ brauchen noch eine Heimat im Garten (aber erst müssen die fiesen Schnecken weg!). Die Pflänzchen verdanke ich einer tollen Aktion von Lina Luna, die im Herbst über ihren Blog einen spannenden Samentauschvon Garten- und Wildpflanzen organisiert hat. Jeder Umschlag war eine richtige Wundertüte! Nochmals vielen Dank für die Samenrotation, LinaLuna. Ich bin schon gespannt, in welchen Farben die Lupinen aus der Eifel blühen.