Stress im Waldkindergarten

Die Eichenkinder haben den Winter unter der Schneedecke verschlafen. Einige von ihnen hatten Eichhörnchen und Eichelhäher im Herbst ganz woandershin verschleppt, aber die meisten liegen noch unter dem Mutterbaum und träumen in ihrer festen Schale von den kommenden Zeiten, vom Frühling. Endlich, gegen Ende April, wird es wärmer und heller. Die Bäume tragen noch wenig oder gar kein frisches Laub und der Wind pustet die Decke aus Herbstlaub beiseite. So kommen die Sonnenstrahlen mühelos bis runter auf den Boden und kitzeln die runden Eichenkinder wach: „Aufwachen, ihr Herbstfrüchte! Zeit für den Start ins Leben!“ Das lassen sich die kleinen Eicheln nicht zweimal sagen, denn auf dieses Signal haben sie schon lange gewartet. Sie recken und strecken sich, bis die Schale endlich platzt und sie aus ihrer engen Umarmung entlässt.

Eichensämlinge

Freiheit! Endlich spüren sie Sonne, Wasser und Wärme ganz direkt am eigenen Leib. Ist das herrlich. Hier wollen sie bleiben, wachsen und groß werden. Aber oh je, das Eichhörnchen ist auch schon da und hat schon wieder Hunger. Neinneinnein, das kommt gar nicht in Frage – Wurzeln müssen her! Die Geschwister strengen sich an und treiben ihren ersten Keim in den Boden. Vor Anstrengung werden sie ganz rot und grün im Gesicht und sprengen dabei sogar ihren kleinen Körper in zwei Hälften. Die Schale fliegt davon. Der Keim wird länger und länger und sucht nach dem rettenden Waldboden. Zum Glück haben alle Keimlinge ihre eigene kleine Speisekammer dabei. Dass Wachsen aber auch so anstrengend sein kann!

Eichel_Keim

Jeder Tag zählt. Regengüsse gefolgt von Sonnenwärme erfrischen die kleinen Schwerstarbeiter, aber es muss trotzdem alles schnell gehen, weil die Gräser auch schon sprießen und den Eichenkindern wertvollen Platz wegzunehmen drohen. Die Kleinen stemmen ihre Keime in den Boden und bilden Wurzeln.  Hah, das Eichhörnchen wird sich wundern. Uns trägt hier keiner mehr weg.

Und sie schaffen es: Der Waldkindergarten unter der Eiche bleibt an Ort und Stelle. Soll das blöde Eichhörchen doch sehen, wo es was zu fressen findet. Beim Tauziehen würde es auf alle Fälle verlieren, so fest haben sich die Kleinen schon verankert. Und wehe, es knabbert in ein paar Wochen an den ersten grünen Trieben. Dann gibt’s von Mutter Eiche nämlich ordentlich eins auf die Mütze.

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13 Kommentare zu “Stress im Waldkindergarten

      • Leider aber noch keine Buchenkindergärten, dabei liebe ich deren Keimblättchen ganz besonders ;-), es ist erstaunlich was so ein bisschen Höhenlage ausmacht, zum Teil hatten wir „2. Frühling“…, was hier „in der Ebene“ schon „durch“ ist, blühte dort erst auf, Schlüsselblumen z. B….. Danke für deinen Besuch bei mir (der Link über Doris auf den Blog funktionierte nicht, aber als „Abonnentin“ hab ich dich ja wiedergefunden 😉 Lieben Gruß Ghislana

  1. Schön geschrieben und beobachtet. Leider schaffe es momentan nur selten etwas für meinen Blog zu schreiben. Aber immerhin habe ich heute mal wieder Bilder hochgeladen 🙂 Schönen Abend und eine dufte Woche!

    • Ich habe Deine Fotos gesehen, Heidrun – wie immer eine Augenweide. Du bist ja ein Foto-Profi. Hast Du einen Tipp für eine gute, nicht zu teuere Kamera, mit der auch Anfänger gut klarkommen?

  2. das ist ja eine süße Geschichte, habe ich mit Freude gelesen.
    Liebe Grüße und bis bald
    Christiane & Co.

  3. Du solltest Kinderbücher schreiben, so könnte man die Kinder mal wieder in die Natur locken um etwas reales zu erleben. Ganz toll beschrieben und wieder wunderschöne Fotos. Bei uns wird es gerade wieder kälter (vielleicht kommt ja schon wieder der Winter) mal sehen wie meine Pflanzen das verkraften.
    Schöne Woche
    Claudia

  4. Ihr Lieben,

    dankeschön für Eure lieben Kommentare. Ich freue mich über jeden einzelnen. Schön, dass Euch die Geschichte von den Eichenkindern gefallen hat, das freut mich unheimlich. 🙂

    Ich habe tatsächlich schon öfters mit dem Gedanken gespielt, Kindergeschichten über Pflanzen und Tiere zu schreiben, weil ich auch denke, dass man Kindern damit recht gut Wissen und Verständnis für die Natur vermitteln könnte. Bei den keinemden Eicheln ist mir das einfach so aus den Fingern geflossen; irgendwie dachte ich, ach, so eine Geschichte passt ganz gut zum Thema, sonst ist das alles so trocken. Vielleicht wird ja noch was aus meinem Vorhaben. 🙂

    Buchenkeimlinge habe ich vereinzelt schon gesehen, aber die sind so schwer zu fotografieren … Ich bin doch so ein Amateur-Fotograf mit einer idiotensicheren Digitalkamera. Und selbst da klappt es oft nicht, ein wirklich gutes Foto zu machen. Wahrscheinlich wegen der ganzen Automatik, die man oft nicht umgehen kann. Manchmal werden die Fotos ganz gut, aber dafür werden sind sie einfach völlig unbrauchbar. Womit fotografiert Ihr denn eigentlich so? Habt Ihr Euch das selber beigebracht?

    Liebe Grüße,
    Doris

  5. Was für eine schöne Geschichte!
    Ich habe die letzten Wochen verschiedene Pflanzenkinder auf den Chip gebannt. Unter anderem sind – nach sehr vielen Wochen – Zitronenkerne gekeimt.
    Ansonsten beobachte ich Ahorn- und Buchenkeimlinge. Schön, zu sehen, wie aus einem winzigen Sämling ein Bäumchen entsteht. Geduld braucht es allerdings schon. Auf meiner Terrasse stehen zwei Lindenbäume(chen). Der Wind hat sie mir gebracht, und sie sind geblieben …
    Liebe Grüße
    Renate

    • 🙂 „Pflanzenkinder“, das ist ein schönes Wort. Ach, Renate, wenn ich doch nur annähernd so gut knipsen könnte wie Du! 🙂

  6. Bei uns wachsen oft kleine Eichen im Garten, da die Eichelhäher die Eicheln oft verlieren,
    denn in der Nähe stehen keine großen Eichen, erst im in der Nähe liegenden Wald, wo sie die wohl aufgesammelt haben.
    Auch habe ich eine kleine Tanne im Garten, die aus einem Samenkorn der Tannen
    entstanden ist, die vor drei Jahren abgeholzt wurden, da die Borkenkäfer überhand nahmen und die Bäume bei Sturm sehr gefährdet waren und aufs Haus gefallen wären.
    Seit vorigem Jahr habe ich eine CanonEOS1100D, die ist wirklich „idiotensicher“.
    Fotografieren habe ich mir selbst beigebracht. Als zweite, aber kleiner Kamera
    nutze ich noch eine Digi von Jenoptik, die im Moment allerdings etwas Probleme
    macht.
    Liebe Grüße zu Dir von Christiane.
    PS. Geschichten für Kinder über die Natur schreiben, wäre eine schöne Sache.
    Muß ja nicht direkt sein, aber immer wenn Dir was einfällt, einfach mal aufschreiben.
    Ich wüßte auch jemanden, der daraus ein Büchlein machen könnte ;-)))

  7. Uuiii, da hast Du ja einen zukünftigen Christbaum im Garten, Christiane. 🙂 Danke für den Kamera-Tipp, die google ich mal. Momentan lassen meine Finanzen keine Eskapaden zu, aber man kann sich ja informieren.

    Schönen Sonntag!
    Doris

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