Nachwuchs bei der Weihnachtsdeko

Wildpflanzen wachsen bekanntlich überall, und für Hausbesitzer und Gärtner meistens – oder jedenfalls häufig – da, wo man sie überhaupt nicht haben möchte: In den Plattenfugen auf der Terrasse, zwischen den Steinen vor der Garage, inmitten der spärlich aufgehenden Möhrenpflänzchen, mittendrin im Oregano oder im Liebstöckl. Tja, die sind halt nicht so kultiviert und zurückhaltend wie die gemeine Salatpflanze oder besagte Möhre. Nö, wo Platz ist und der Untergrund auch nur annähernd passt, zack! – hier bin ich Wildpflanze, hier will ich sein. Ob das dem Platzbesitzer jetzt taugt oder nicht, ist doch sowas von schnurz. Er kann die Wildpflanzen ja essen, wenn er will. Wenn nicht, dann eben nicht. Noch dümmer für den Gartenbesitzer, wenn er sich den Wildwuchs selber zuzuschreiben hat. 😉 Nein, im Ernst, ich freu mich ja drüber und finde es irgendwie genial, dass sich meine Weihnachtsdekoration ohne mein Zutun fortgepflanzt hat. Die Fichtenzapfen hingen die längste Zeit schmückend über dem Rankgitter, bis ein Frühlingssturm sie Richtung Boden geweht hat. Dabei haben sich die Samen wohl Richtung Blumenkasten verteilt, und zwei sind aufgegangen. Jetzt habe ich Waldkinder im Blumenkasten.

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Ist doch nett. Die armen Kleinen haben schon versehentlich falsch abgestellte Blumentöpfe aufs Hirn bekommen (‚tschuldigung!), aber bis jetzt halten sie noch durch. Vielleicht können wir dann in ein paar Jahren „Oh Tannenbaum“ auf der Terrasse singen. 🙂

Stress im Waldkindergarten

Die Eichenkinder haben den Winter unter der Schneedecke verschlafen. Einige von ihnen hatten Eichhörnchen und Eichelhäher im Herbst ganz woandershin verschleppt, aber die meisten liegen noch unter dem Mutterbaum und träumen in ihrer festen Schale von den kommenden Zeiten, vom Frühling. Endlich, gegen Ende April, wird es wärmer und heller. Die Bäume tragen noch wenig oder gar kein frisches Laub und der Wind pustet die Decke aus Herbstlaub beiseite. So kommen die Sonnenstrahlen mühelos bis runter auf den Boden und kitzeln die runden Eichenkinder wach: „Aufwachen, ihr Herbstfrüchte! Zeit für den Start ins Leben!“ Das lassen sich die kleinen Eicheln nicht zweimal sagen, denn auf dieses Signal haben sie schon lange gewartet. Sie recken und strecken sich, bis die Schale endlich platzt und sie aus ihrer engen Umarmung entlässt.

Eichensämlinge

Freiheit! Endlich spüren sie Sonne, Wasser und Wärme ganz direkt am eigenen Leib. Ist das herrlich. Hier wollen sie bleiben, wachsen und groß werden. Aber oh je, das Eichhörnchen ist auch schon da und hat schon wieder Hunger. Neinneinnein, das kommt gar nicht in Frage – Wurzeln müssen her! Die Geschwister strengen sich an und treiben ihren ersten Keim in den Boden. Vor Anstrengung werden sie ganz rot und grün im Gesicht und sprengen dabei sogar ihren kleinen Körper in zwei Hälften. Die Schale fliegt davon. Der Keim wird länger und länger und sucht nach dem rettenden Waldboden. Zum Glück haben alle Keimlinge ihre eigene kleine Speisekammer dabei. Dass Wachsen aber auch so anstrengend sein kann!

Eichel_Keim

Jeder Tag zählt. Regengüsse gefolgt von Sonnenwärme erfrischen die kleinen Schwerstarbeiter, aber es muss trotzdem alles schnell gehen, weil die Gräser auch schon sprießen und den Eichenkindern wertvollen Platz wegzunehmen drohen. Die Kleinen stemmen ihre Keime in den Boden und bilden Wurzeln.  Hah, das Eichhörnchen wird sich wundern. Uns trägt hier keiner mehr weg.

Und sie schaffen es: Der Waldkindergarten unter der Eiche bleibt an Ort und Stelle. Soll das blöde Eichhörchen doch sehen, wo es was zu fressen findet. Beim Tauziehen würde es auf alle Fälle verlieren, so fest haben sich die Kleinen schon verankert. Und wehe, es knabbert in ein paar Wochen an den ersten grünen Trieben. Dann gibt’s von Mutter Eiche nämlich ordentlich eins auf die Mütze.

Unerwartetes Gastspiel

Wahre Stars sind bescheiden, machen kein großes Aufhebens um ihren Auftritt und verschwinden, sobald sich die High Society auf dem Parkett drängelt. Die kommt ja sowieso erst, wenn das Drumherum stimmt und vor allem, wenn es was G’scheits zum Trinken gibt. „Sehen und gesehen werden“ ist seit vielleicht drei Wochen das Motto auf unserer Gartenwiese, in der sich Löwenzahn, Wiesenschaumkraut und Gänseblümchen farbenfroh tummeln. Anfang April war das Wiesenparkett noch nicht so gut besucht und da habe ich ihn entdeckt, den heimlichen Star, von dem ich gar nicht wusste, dass er bei uns unterm Birnbaum wohnt.

Wiesen-Gelbstern

Mit Blumenzwiebeln geht es mir manchmal wie dem Eichhörnchen mit den Nüssen – ich vergrabe sie mit dem festen Vorsatz, mir Standort und Sorte genau zu merken, um beides nach kurzes Zeit prompt wieder zu vergessen. Deshalb war ich mir erst nicht sicher, ob das Blümchen nicht vielleicht eine in Vergessenheit geratene Pflanzung sein könnte. War es aber nicht, denn nach der Recherche hat sich ergeben, dass es sich bei dem zierlichen Gast wohl um einen Wiesen-Gelbstern (Gagea pratensis) handelt. Nie gehört, nie gesehen? Dann geht es Euch ähnlich wie mir. Ich musste erst mal nachlesen: Die Zwiebelpflanze gehört zu den Frühblühern im März/April und war früher ziemlich häufig in Wiesen und Äckern anzutreffen, tritt aber durch die intensive Bewirtschaftung nur noch vereinzelt auf. Unsere Gartenwiese wurde nicht im klassischen angelegt, sondern der Grund war früher vermutlich eine Viehweide. Das würde also passen. Das nächste Indiz ist der lehmige, feuchte Boden, auf dem die besagte Wiese wächst. Mich nervt der schwere Boden regelmäßig, weil er schwer umzugraben ist und an manchen Stellen mehr Moos hat als Gras, aber der Wiesen-Gelbstern oder Wiesen-Goldstern findet sowas gut. Den letzten Ausschlag hat für mich der Standort unter dem Birnbaum gegeben, denn das Liliengewächs liebt die Nähe von Obstbäumen. Passt alles, also müsste das kleine gelbe Sternchen wirklich einer der inzwischen (zumindest in Südbayern) selten gewordenen Wiesen-Gelbsterne sein, habe ich mir aus den Mosaikteilchen zusammen gereimt. Die Familie der Gelbsterne umfasst auch noch den Wald-Gelbstern (Gagea lutea), den Acker-Gelbstern (Gagea villosa), den Scheiden-Gelbstern (Gagea spathacea) und den Kleinen Gelbstern (Gagea minima), und die genaue Unterscheidung ist den Bildern nach zu urteilen nicht immer ganz einfach. Darum kann ich auch nicht garantieren, dass es nicht doch ein Acker-Gelbstern oder ein Wald-Gelbstern ist, den wir da im Garten haben.

Die Begegnung hat mich jedenfalls sehr gefreut. Ich hoffe, der kleine Stern beehrt uns nächstes Jahr wieder.