Alte Wege mit alten Bekannten

Anfang Juli war ich viel auf Landstraßen in meiner alten Heimat unterwegs. Rechts und links der Straße hat sich viel verändert in den letzten Jahren, wurden Häuser oder Supermärkte gebaut, Bäume gefällt, Äcker oder Wiesen angelegt. Alles ist im Fluss, alles verändert sich, aber das Auge sucht weiter nach Altbekanntem. Da! Am Straßenrand nickte mir plötzlich eine Pflanze meiner Kindheit zu. Roter Fingerhut! Ein Handyfoto bei 80 km/h wäre zu schade und bei den Straßenverhältnissen auch zu gefährlich gewesen, also anhalten, ausssteigen und zurücklaufen. Freudige Wiedersehen kann man schließlich nicht im Vorbeifahren zelebrieren, und hier muss schon ein Erinnerungsfoto sein. Es folgt ein Gruppenbild ohne Autorin. Zwar nur mit dem Handy, aber immerhin.

Digitalis purpurea – allein der Name mutet schon so vornehm an.Dabei  heißt „digitus“ im Lateinischen einfach nur „Finger“. Den Namen habe ich ja nie ganz verstanden, weil ein Fingerhut doch von der Form her ganz anders aussieht, nämlich mit stumpfem Kopf und insgesamt viel plumper als so ein Blütenglöckchen. Die englische Bezeichnung „Purple Foxglove“ ist da irgendwie treffender, denn eine zierliche Fuchspfote würde ziemlich genau in den purpurnen Handschuh passen. Vielleicht kommt daher auch eine andere deutsche Bezeichnung, „Fuchskraut“. Sei’s drum, den Fingerhut vergisst man nicht so leicht, und auch heute noch flößt mir die Pflanze eine gewisse Ehrfurcht ein. Was sind wir als Kinder immer wieder vor ihrer großen Giftigkeit und Gefährlichkeit gewarnt worden. Bloß nicht anfassen und ja nicht essen! Dabei habe ich damals deutlich weniger Wildpflanzen gegessen als heute. Ich spüre immer noch einen Heidenrespekt vor dem Fingerhut und traue mich fast nicht, ihn für eine Nahaufnahme in Positur zu schieben. Fast so, als wäre er bissig.

Das ist er natürlich nicht, aber es stimmt schon: Das Wegerichgewächs ist gefährlich für Mensch und Tier, weil seine Blätter und Blüten tatsächlich hochgiftig sind. Es heißt, schon der Verzehr von nur 2 Blättern kann tödlich sein. Damit ist der Fingerhut definitiv keine Zutat für einen Wildkräutersalat. Das Digitalis-Gift  bringt schwache Herzen wieder in Schwung, aber die Dosierung ist extrem kompliziert, so dass eine Behandlung unbedingt in die Hände eines erfahrenen Arztes gehört. Der Wirkstoff stärkt den Herzmuskel und stärkt seine Schlagkraft bei einer gleichzeitigen Verminderung der Schlagfrequenz. Das Maiglöckchen enthält übrigens einen ähnlichen Wirkstoff, der auch in der Herzmedizin eingesetzt wird.

Erhaben steht der 1,50 m bis 2 m lange Pflanzenstängel da und reckt die unzähligen Blütenglöckchen wie an einem Zepter in die Höhe. Die Blüten schauen alle in Richtung Sonne, was dem Stängel eine leichte Schlagseite verleiht. Der Fingerhut ist zweijährig, blüht also erst im zweiten Jahr. Im ersten Wachstumsjahr bildet er eine unscheinbare Blattrosette, die dann im Blütejahr zu spektakulärer Schönheit erwächst. Die Innenseite der purpurrot-lilanen Blüte weist charakteristische dunkle Flecken mit weißen Rändern auf. In der Natur findet sich der Fingerhut gern auf Waldlichtungen nach Kahlschlägen, aber manchmal sieht man ihn auch als Staudenpflanze in Gärten. Schön, aber meiner Meinung nach nicht unbedingt empfehlenswert, wenn man kleine Kinder hat. Lieber sehe ich ihn einfach so als Überraschung am Straßenrand.

Zufrieden steige ich wieder ins Auto und fahre weiter. In den nächsten Tagen komme ich noch öfters an der Stelle vorbei und ziehe grüßend den imaginären Hut. Da fällt mir ein, tragen Elfen nicht oft eine Fingerhutblüte auf dem Kopf? Zauberhaft genug dafür wären die Glöckchen allemal.

Ein „Kräuterfeiertag“ mitten unter der Woche

Heute am 15. August ist Maria Himmelfahrt. Das wäre allein vielleicht noch keiner Erwähnung wert, aber man höre und staune – das ist im Saarland und in Bayern noch ein offizieller kirchlicher Feiertag. Was noch erstaunlicher und nicht jedem bekannt sein mag ist, dass dieser Tag sozusagen ein „Kräuterfeiertag“ ist: Traditionell binden die Frauen sich einen sogenannten Kräuterbuschen, also einen Strauß aus bestimmten Blumen und Heilkräutern, der in der Kirche gesegnet und dann daheim im Herrgottswinkel aufbewahrt wird. Die Heilkräuter können in Tees oder als Räucherwerk verwendet werden und lindern so bis zum nächsten Jahr so manches Wehwehchen. Ein wunderschöner Brauch, der hier im Ort noch lebendig gehalten wird, wie ich heute vormittag gesehen habe. Leider habe ich keine Fotos gemacht. Wer mag, kann ein wenig nachlesen über Geschichte, Hintergrund und die Kräutersymbolik von Maria Himmelfahrt, zum Beispiel hier.

Der freie Sommertag heute hat einen Geschmack von Sommerferien an sich, so wie sie früher waren. Besser gesagt, wie sie in meiner Erinnerung waren, und die Erinnerung ist ja manchmal ein bisschen nostalgisch überzuckert. 😉 Nachdem ich Ende Juli unreife, aber zahlreiche Brombeeren entdeckt hatten, wollte ich heute mal nach dem Rechten sehen und, wo möglich, auch gleich zur Ernte schreiten. Natürlich ist es fast noch zu früh, aber nachdem die letzte Woche sehr warm war, hatte ich mir ganz gute Chancen ausgerechnet und in froher Erwartung einen großen Eimer mitgenommen. Der sollte dann aber mindestens zu einem Viertel voll werden, hatte ich mir gedacht. Wie gesagt, mindestens. Aber weit gefehlt: Das ist meine heutige Tagesausbeute.

Die Aktion hätte „Brombeeren suchen“ heißen müssen anstatt „Brombeeren sammeln“. Einiges war noch nicht reif, aber insgesamt sind die Brombeeren dieses Jahr ziemlich klein, jedenfalls die in meinem Sammelgebiet. Das reicht gerade mal für den sprichwörtlichen hohlen Zahn, aber nicht für ein paar Gläser Brombeergelee. Da muss ich wohl noch mal ran, in einer oder zwei Wochen. Macht nichts. Entspannend war die Suche allemal, und vielleicht habe ich beim nächsten Mal mehr Sammlerglück.

 

Kratzbürsten und die Rechtschreibreform

Ich gebe es offen zu – seit der Rechtschreibreform kenne ich mich nicht mehr aus. Was muss man jetzt mit und was ohne Bindestrich schreiben? Muss man überhaupt, oder steht es mir frei zu schreiben, wie es mir gefällt? Oder wie ich finde, dass es besser aussieht? Jedenfalls wäre das mal wieder was für WWM. Ihr kennt das, so manche Kandidaten scheitern bei Jauch schon bei der 2000-Euro-Frage, weil sie sich in die Irre leiten lassen. Er würde also fragen: „Wie schreibt man diese Kratzbürste? a) Ackerkratzdistel, b) Acker-Kratzdistel, c) Acker-Kratz-Distel oder d) Ackerkratz-Distel?“ Jetzt nur nichts überstürzen. Zeit gewinnen. Erst mal ein Schluck Wasser, dann antworte ich, „Also, c) und d) kann ich mit Sicherheit ausschließen. Ich habe da eine Tendenz, aber ….“ Noch ein Schluck Wasser. Und schon würde Jauch versuchen, mich in einen Joker zu quatschen. Was vor dem Fernseher so leicht aussieht, ist als „real thing“ garantiert nicht so einfach. Ohne Baldrian ginge da bei mir gar nichts.

Ob nun mit oder ohne Bindestrich, besagte Pflanze fiel mir bei einem Spaziergang ins Auge und wieder einmal habe ich bewundert, welche scheinbaren Widersprüche die Natur in Einklang bringen kann. Da ist nun diese Pflanze, der Albtraum eines jeden Landwirts und Gärtners, die so kratzig, abweisend und quasi unkaputtbar daher kommt. Das tut sie aber mit wunderschönen Blüten in einem spektakulären Lilaton, der die Bienen vor Freude summseln und tanzen lässt (und den zugehörigen Imker, sofern vorhanden, auch). Und dann, am Ende der Blütezeit, verwandelt die Kratzbürste ihre Blüten in samtweiche Häubchen, die sich streicheln lassen wie im Spätsommer blühende Weidekätzchen.

Cirsium arvense ist ein klassisches „Unkraut“, vielleicht sogar DAS Unkraut schlechthin. Ausrupfen oder ausgraben bringt nicht viel, denn irgendein Wurzelstück bleibt immer im Boden und treibt munter wieder durch. Je mehr man gräbt und die Wurzelausläufer beunruhigt, desto mehr verbreitet sich die Pflanze! Unkaputtbar, sage ich doch.  Die Distel gehört zur großen Familie der Korbblütler und findet sich an Ackerrändern (oder im Acker drin ;-)), Wegrändern, Schuttplätzen – kurz gesagt, überall, wo es einigermaßen nährstoffreich zugeht. Dabei wird sie bis zu 1,50 m hoch und verzweigt sich in die Breite. Man erkennt die Pflanze recht gut an den violett-rötlichen Blütenkörbchen, die einen leicht filzigen Überzug haben. Die Blütezeit ist etwa von Juli bis September/Oktober, und die Samen verbreiten sich ähnlich wie Löwenzahn als Schirmchenflieger.

Hätte ich eine Acker-Kratzdistel im Garten, würde ich sie mir für Wildblumensträuße schneiden statt mich drüber zu ärgern. Die Blätter sind zwar ganz schön stachelig, aber mit Handschuhen und/oder der gebotenen Vorsicht geht das schon. Außerdem unterbindet man so die weitere Verbreitung noch am ehesten. Wie gesagt, bloß nicht graben… Ich habe gelesen, dass man die unverholzten Stängel (ha, neue Rechtschreibung!) auch als Wildgemüse nutzen kann. Da kennen sich Andrea und Martin aber besser aus und können vielleicht ein Rezept beisteuern.

Ja, und wie schreibt man die Pflanze nun? Nachdem die Familie der Kratzdisteln ungefähr 200 Mitglieder hat, würde man vermutlich das „Acker“ hervorheben wollen und deshalb „Acker-Kratzdistel“ schreiben. Man kann es aber auch halten wie der Online-Duden: Der sagt einfach nur „Ackerdistel“. Das nenne ich einen pragmatisch-eleganten Lösungsansatz. Gefällt mir. ; -)