Internet macht pflanzenschlau!

Mit den Frühlingsblühern ist das so eine Sache. Es gibt halt einfach so viele. So viele mir unbekannte, meine ich. Da stand ich also Ende März ziemlich ratlos vor einer Staude, die ich zwar sehr hübsch fand, aber absolut nicht bestimmen konnte. Das war einer dieser Zufallsfunde, die einem keine Ruhe mehr lassen und weiter im Unterbewusstsein rumoren.

Rosa-blühend, krautig, hübsch, in der Nähe von Buschwindröschen, vermutlich nährstoffreicher Standort. Findet mal mit so einer Beschreibung die entsprechende Pflanze in einem Pflanzenbestimmungsbuch. Ja, genau: Fehlanzeige.

Ich hatte mich schon gefragt, ob hier ein Gartengewächs den Weg in die Freiheit gefunden haben könnte und die Bestimmung halbwegs für gescheitert erklärt, als mich neulich eine von mir sehr geschätzte Bloggerin mit einem Beitrag über den Kuckuck direkt mit der Nase auf des Rätsels Lösung gestoßen hat:  „Kuckucksstiefelchen“ heißt die mysteriöse Pflanze im Volksmund und mit offiziellem Namen „Hohler Lerchensporn“ (Corydalis cava). Vom Hohlen Lerchensporn habe ich schon mal gehört, aber da wäre ich im Leben nicht drauf gekommen. Die Frühlingsblüher sind so zahlreich und oft auch so schnell wieder verschwunden, dass ich mir die einfach nicht alle merken kann. Zum Glück gibts viele Pflanzenkundige, die ihr Wissen gern per Internet teilen wie zum Beispiel die Diplom-Biologin Karin Greiner auf ihrem ausgesprochen informativen und interessanten Pflanzenlust-Blog.

Damit hat eine weitere Pflanzengeschichte ein Happy End, und ich verschiebe die Fotos aus dem Verzeichnis „Unbekannt“ auf meinem Rechner in das Verzeichnis „Kuckucksstiefelchen“. Unter diesem Namen werde ich die Pflanze garantiert nicht mehr vergessen, denn das Internet hat mich wieder einmal ein wenig pflanzenschlauer gemacht. Echt eine klasse Erfindung, dieses Internet.

Heilkraft aus der Hecke

Bei unserem Einzug vor ein paar Jahren hatte ich noch keine Ahnung, welche Pflanzen wir alle in unserem Garten beherbergen. Da gab es unter anderem einen großen Strauch mit vielen grünen Blättern, die sich im Herbst zu einem schönen Rotton verfärben sollten. Ich dachte, naja, den Blättern nach zu urteilen wird das irgendein Hartriegel sein. Auf die roten, kirschartigen Früchte habe ich gar nicht sonderlich geachtet. Der Groschen ist erst im folgenden Frühjahr gefallen, als die zierlichen gelben Blütendolden vor allen anderen Frühlingsblühern erschienen sind: Na klar, das muss doch eine Kornelkirsche sein.

Nun gehört die Kornelkirsche tatsächlich zur Familie der Hartriegel, also habe ich nicht ganz falsch getippt, aber ohne das blühende Indiz hätte ich den Strauch nicht so schnell einordnen können. Man möge mir meine Ignoranz verzeihen, aber für meine Augen sind die Blätter bei allen Hartriegelsorten elliptisch geformt, spitz, kräftig grün und gegenständig angeordnet. Die bei uns bekanntesten Vertreter Roter Hartriegel, Weißer Hartriegel und eben auch die Kornelkirsche (Cornus mas) werden gern und oft für Gartenhecken und im Landschaftsbau verwendet. Vögel schätzen die Hecken als natürlichen Unterschlupf, egal ob im Garten oder draußen am Feld- oder Waldrand.

Hartriegel, das klingt doch irgendwie nach hartem Holz. Und tatsächlich, vor allem die Kornelkirsche ist für ihr extrem hartes, dichtes und elastisches Holz bekannt. Geschichtliche Aufzeichnungen beweisen, dass Kornelkirschenholz schon im Altertum unter anderem ein beliebter Werkstoff bei der Herstellung von Werkzeugen und auch Waffen wie Speeren oder Lanzen war. Noch beliebter waren allerdings wahrscheinlich schon damals ihre tiefroten Früchte, die zwar Kornelkirschen heißen, aber gar nicht mit der Kirsche verwandt sind. Man nimmt an, dass sie schon früh zur Herstellung eines alkoholischen Getränks vergoren wurden. In Österreich wird heute noch der „Dirndlbrand“ aus Kornelkirschen hergestellt. Nein, falsch geraten, das ist kein Damenlikör, sondern ein Obstler ;-), denn die Österreicher nennen die Kornelkirschen „Dirndl“. Dabei schmecken die Früchte erst mal ziemlich sauer und entwickeln erst mit zunehmender Reife eine angehm süß-säuerliche Fruchtnote, die Marmeladen den richtigen Kick geben kann. Vorausgesetzt, unsere Gartenvögel waren nicht schneller – die lieben die kleinen Vitaminbomben nämlich und verbreiten die Steine in der ganzen Nachbarschaft.

Momentan lese ich das Buch „Die Heilkunde der Hildegard von Bingen“ von Dr. Wighard Strehlow und staune regelmäßig, wie viele Pflanzen Hildegard gekannt und nach ihrer Heilkraft charakterisiert hat. Auch die Kornelkirsche hat sie beschrieben und deren Früchte als hochwirksames Mittel bei Magenleiden empfohlen. Und tatsächlich: Heute weiß man, dass die Farbstoffe zu den P-Vitaminen gehören, und diese Vitaminreihe wirkt erwiesenermaßen entzündungshemmend und heilend auf die Schleimhäute in Mund, Rachen und Verdauungstrakt. Wie haben die Menschen das damals schon wissen können? Waren es einfach Erfahrungswerte? Wahrscheinlich. Wie weit weg sind wir doch heute oft von solch intuitivem und/oder erfahrenem Wissen.

Unsere Kornelkirsche blüht jetzt schon wieder seit ein paar Wochen, leuchtend gelb und noch blattlos. Allmählich vergehen die Blüten, und die ersten Blatttriebe spitzen an den sparrigen Ästen hervor. An sonnigen Tagen wird der Strauch von Bienen und anderen Insekten umschwärmt, und unser Kater benutzt ihn gern als Klettergerüst. An nebligen Morgen leuchten die Blüten durch das Grau und hellen den Tag auf. Und bei Wintereinbrüchen wie am vergangenen Ostersonntag leuchtet das Blütengelb der Kornelkirsche mit dem Schneeweiß um die Wette.

Knoblauchduft in Knallgrün

Es gibt Traditionen, über die man nie groß nachdenkt, sondern sie einfach einhält, weil man das eben so tut. Eine davon ist für mich der Brauch, am Gründonnerstag etwas Grünes zu essen. Warum genau der Gründonnerstag so heißt und warum man grünes Gemüse oder Kräuter isst, ist nicht ganz eindeutig belegt. Sei’s drum, wahrscheinlich ist es ein alter Brauch, der irgendwie in die christliche Mythologie und Liturgie eingewoben wurde. Eine nette Tradition ist es allemal, denn wir sehnen uns doch alle nach frischem, würzigem Grün auf dem Teller, wenn der Winter endlich vorbei ist.

Da völlig spinatfrei, ist unser Gründonnerstagsgericht dieses Jahr unklassisch, aber auch sehr schmackhaft ausgefallen. Was soll ich sagen, ich habe mich die ganze Woche drauf gefreut: Spaghetti mit Bärlauchpesto. Dieser Duft! Diese Farbe! Diese Kombination aus zartem Knoblauchgeschmack und Olivenöl! Und in die Hände gefallen ist er mir auch noch, denn unsere Nachbarn haben am Wochenende beim Waldspaziergang einen ganz jungen Bärlauch gefunden und mir eine Handvoll geschenkt. Ich habe die zarten Blätter zu einem knallgrünen Pesto verarbeitet und das Glas bis zum großen Moment im Kühlschrank verwahrt. Salz, etwas Pfeffer, mehr Würze braucht es eigentlich nicht.  Parmesan hatte ich keinen, der kam erst später direkt zum Pesto auf die Nudeln. Köstlich, wirklich wahr. Wenn das Essen so „richtig natürlich“ ist und nicht gekauft aus dem Glas, ist das einfach ein anderes Gefühl.

Beim Bärlauchsammeln sollte man es nicht übertreiben, denn er gilt in manchen Gebieten Deutschlands als gefährdet. Inzwischen kann man ihn ja auch auf vielen Märkten aus Zuchtanbau kaufen. Ich setze das zwar als mittlerweile bekannt voraus, aber nochmal zur Vorsicht: Achtung, beim Sammeln muss man wirklich aufpassen, damit keine Verwechslungen mit Herbstzeitlose, Aronstab oder Maiglöcken passieren. Die sind allesamt giftig. Wer sich unsicher ist, bitte Hände weg und die Blätter lieber stehen lassen!

Allium ursinum gehört zur Familie der Zwiebelgewächse. Wenn man ein Bärlauchblatt schneidet oder zerreibt, steigt einem der typische Knoblauchduft in die Nase. Wie sein kultivierter Verwandter wirkt auch der Bärlauch antibakteriell und blutreinigend. Er reguliert den Blutdruck, putzt die Adern durch, macht sie geschmeidig und senkt nebenbei auch noch den Cholesterinspiegel – eine wahres Allheilmittel für uns Zivilisationsgeschädigte. Kein Wunder, dass der wilde Knoblauch oder Knoblauchspinat in den letzten 10 oder 15 Jahren eine wahre Renaissance erlebt hat. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, ihn vorher auf irgendwelchen Speisekarten gesehen zu haben. Übrigens: Wenn Ihr die Gelegenheit habt, probiert mal eine Bärlauchblüte. Ihr werdet über den unerwartet intensiven Geschmack staunen, versprochen.

Ich finde, der Bärlauch ist ein gutes Beispiel dafür, wie man altes Kräuterwissen auf leckere Weise wieder in den Köpfen der Menschen verankern kann. In diesem Sinne wünsche Euch grüne, blühende und rundherum köstliche Ostern!